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Montag, 28. März 2011

Wirtschaft und Ethik - TEPCO und die Grenzen wirtschaftlicher Verantwortung

Wirtschaft und Ethik - Verantwortung

Zum Begriff "Verantwortung" findet sich im Referenzbuch "The Oxford Companion to Philosophy", das Ted Honderich herausgegeben hat, folgende Passage - "Responsibility. A term which covers a number of distinct but related notions, among the most important of which are causal responsibility, legal responsibility and moral responsibility." (1995, S.771).

Verantwortung wird als Begriff zumeist eher unscharf verwendet - unscharf in dem Sinne, dass die verschiedenen Bedeutungen, die damit einher gehen, nicht sauber voneinander getrennt werden. Auch wenn Begriffe wie kausale, legale unde moralische Verantwortung eng miteinander zusammenhängen, so gibt es zwischen ihnen keine notwendigen Verbindungen (für den Philosophen bedeutet "notwenig" nichts anderes als "unter allen Umständen").

Ich bin für ein Ereignis genau dann kausal verantwortlich, wenn es einen direkten oder indirekten Zusammenhang zwischen mir und dem Ereignis gibt, das ich hervorgerufen habe. Rechtlich verantwortlich bin ich genau dann, wenn ich die Bedingungen dafür erfülle, die das jeweilige Rechtssystem dafür vorgesehen hat (durch die Verletzung rechtlicher Pflichten zum Beispiel). Moralisch verantwortlich für ein Ereignis bin ich genau dann, wenn damit eine moralische Verpflichtung einhergeht, oder wenn ich für meine Handlung Schuld oder Anerkennung verdiene.

Diese Differenzierungen sollen an dieser Stelle bloß aufzeigen, dass es gar nicht so einfach ist, sinnvoll von Verantwortung zu sprechen.

Ein aktuelles Beispiel: das japanische Energieunternehmen TEPCO

Unternehmen nutzen ihre Internetpräsenz zum Teil dafür, um detailliert auf ihre Wert- und
Zielvorstellungen eingehen zu können, die sie ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit zu Grunde legen. Auf
der internationalen Internetseite eines Energieunternehmens findet sich zum Beispiel eine ausführliche Darstellung von Wertsteigerungsplänen. Die damit zu erreichenden Ziele lauten:
(1) die Einführung von emissionsfreien Energiequellen, (2) die fortführende Elektrifizierung aller Bereiche, (3) die Entwicklung „intelligenter“ Energiesysteme, (4) die Expansion des Geschäftsfeldes, (5) die Steigerung der Effektivität, (6) die Schaffung unternehmerischer Höchstleistung, getragen durch Mitarbeiterleistung und Kooperation und (7) die Häufung von neuester Technologie. Das Energieunternehmen hat diese Punkte in den Zusammenhang mit seiner Vision für die Zukunft
gestellt (www.tepco.co.jp/en/corpinfo/overview/vision-e.html) – der Namen des Unternehmens: TEPCO (Tokyo Electric Power Company www.tepco.co.jp/en). Für die meisten Menschen außerhalb Tokyos und Japans war dieses Unternehmen bis vor wenigen Tagen kein Begriff. Mit den Ereignissen im März 2011 steht das Unternehmen im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit - Fukushima Eins, die Atomanlage im Norden Japans wirft einige Fragen auf, die sehr viel mit ethischen Aspekten in der Wirtschaft zu tun haben.

Frage Eins:
Welche Formen der Verantwortung werden durch die Ereignisse im Reaktor Fukushima Eins tatsächlich berührt? Das Unternehmen TEPCO ist zwar eine eigenständige juristische Person, aber Fragen der kausalen oder moralischen Verantwortung sind damit noch lange nicht geklärt.

Frage Zwei:
Das erstrebenswerte Ziel "emissionsfreie Energiequellen" wurde durch das Mittel "Atomreaktoren" realisiert - die wiedererstarkte Anti-Atom-Bewegung tritt zwar ebenfalls für emissionsfreie Stromerzeugung ein, doch wird die Wahl des Mittels kritisch hinterfragt.

Frage Drei:
Welchen Stellenwert haben "Ethische Richtlinien" oder "Unternehmensvisionen", wenn es darum geht, wie sich das Unternehmen nach außen hin präsentiert? Gibt es vernünftige Grenzen des Selbstmarketings?

TEPCO ist im Grunde ein ganz gewöhnliches Unternehmen - es produziert Güter, die es am Wirtschaftsmarkt verkaufen möchte und nutzt dafür die Möglichkeit, sich durch "Visionen" und "Unternehmensrichtlinien" für Konsumenten attarktiv zu präsentieren.

Wirtschaft und Ethik haben sehr viel damit zu tun, welches Bild sich Menschen, oder Gruppen von Menschen geben, die im Wirtschaftsprozess stehen - wen dieses Bild von Außenstehenden hinterfragt wird, dann kann sich kritische Distanz entfalten: der Simpsons Vorspann des britischen Künstlers Banksy zeigt das sehr deutlich ( zum Beispiel hier: www.viddler.com/explore/theflickcast/videos/699).

Coaching und Verantwortung

Im Coaching-Prozess wird diese kritische Distanz (bzw. Instanz) vom Coach übernommen und der Klient darin angeleitet, sich diese kritische Distanz als Haltung anzueignen. Die Klärung von wichtigen Begriffen (wichtig im Sinne von: Maßgeblich für das Selbstbild und der Sicht der anderen auf mein Tun), Verhältnissen zwischen diesen Begriffen, und das "Leben" dieser Begriffe nehmen einen wesentlichen Teil des Coaching-Prozesses ein - der Grund liegt darin, dass die personale Identität, damit auch die eigene Authetizität sehr eng mit den Wahrnehmungen und Erlebnissen verbunden ist, die man macht und für diese gelten - was der österreichische Philosoph Peter Strasser (in Anlehnung an die Position des Konstruktivismus) geschrieben hat: „Denn egal, ob es sich um Wahrnehmungen oder Erlebnisse handelt, sie alle müssen zwei Bedingungen erfüllen, die man als Nichteinfachheitsbedingungen charakterisieren könnte: Sie müssen begrifflich imprägniert und ichhaft sein.“ (Die einfachen Dinge des Lebens, 26).

Diese begriffliche Durchzogenheit unserer Wahrnehmungen und Erlebnisse und deren Bezug auf uns selbst, machen es so wichtig, dass wir ein adäquates Verständnis der Begriffe und Ideen entwickeln, an die wir uns gebunden fühlen.

Diese Klärungsarbeit läuft im Coaching über Selbstreflexion bzw. angeleitete Selbstreflexion von Denk- und Verhaltensmustern - dazu kann die Kommunikation gehören, aber auch die Urteilsfähigkeit und die analytische Kompetenz.

Wirtschaft und Ethik

Der schweizer Philosoph Klaus Peter Rippe hat beim mentis Verlag (www.mentis.de) ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht, das einige der hier angedeuteten Themen ausführlich aufgreift und diskutiert - Verantwortung, ethisches Urteil, individuelle Haltung, Risikoanalyse udglm. Gerade in einer Zeit, wo das Thema Wirtschaft und Ethik
popularisiert wird und populistisch diskutiert wird (vgl. dazu: www.socialnet.de/rezensionen/9711.php), ist es erfreulich eine umfassende Arbeit lesen zu können, die sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzt. Man mag Klaus Peter Rippe nicht in seiner Begründung einer Interessensbasierten Ethik zustimmen (mich konnte er damit nicht überzeugen), aber sein Zugang zum Thema Wirtschaft und Ethik ist überzeugend und sehr gelungen.(eine Rezension seines Buches befindet sich hier: www.socialnet.de/rezensionen/11218.php)

Klaus Peter Rippe (2010) Ethik in der Wirtschaft; mentis Verlag





Und in diesem Sinne,

Harald G. Kratochvila
www.kompetenz-coaching.at

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